Interview mit Cleo Sternberg/Charlotte Roth/Claudia Ley/Charlie Lyne

✽•*¨*•๑✿๑★ Autoreninterview ★๑✿๑•*¨*•✽

1. Wer ist Cleo Sternberg/Charlotte Roth/Claudia Ley/Charlie Lyne? Magst du dich mal vorstellen? 

Ich bin Charlie Lyne, geboren in Berlin, Studium in Neapel und lebe mit meinem britischen Mann, unseren inzwischen erwachsenen Kindern und Enkeln, meinem Schwager und Kaninchen Kalulu und Koopmeiners in der weltschönsten Stadt London. Ich bin Literaturwissenschaftlerin und seit über dreißig Jahren als Lektorin, Übersetzerin, Ghostwriter, Coach und Autorin in der Buchbranche tätig. Ansonsten liebe ich Filme, Reisen, Orchideen, Kazuo Ishiguro, Stewart O’Nan und meine große Familie. Über meine Bücher spreche ich lieber als über mich selbst.

2. Die wohl meist gestellte Frage: Wie bist du zum Schreiben gekommen? Und warum schreibst du mit mehreren Pseudonyme?

Ich fürchte, meine Antwort darauf ist stinklangweilig: Ich habe keine Ahnung. Geschichten erzählt habe ich immer, sie aufgeschrieben auch, und da Film mein Lieblingsmedium ist, wollte ich eigentlich Filmregisseurin werden (darf aber inzwischen des Öfteren mal ein Drehbuch lektorieren und bin dann auf Wolke Sieben). Das hab‘ ich mich dann im letzten Augenblick nicht getraut, also hab‘ ich weiter meine Geschichten aufgeschrieben. Und da ich mit aufgeschriebenen Geschichten anderer mein Geld verdient habe, dann eben auch irgendwann mit meinen.

Wie ich auf dem Buchcover heiße, entscheiden meine Verlage. Charlotte Roth ist mein erfolgreiches Pseudonym, und wenn ich etwas für einen anderen Verlag gemacht habe, habe ich eben fairerweise dafür ein neues Pseudonym bekommen, denn es möchte ja nicht ein Verlag Werbung für den anderen machen. Cleo Sternberg haben wir nun für die Reihe um die Totenleserin neu erfunden, weil das Genre – historischer Kriminalroman – ein bisschen anders ist als das, was ich sonst mache. Und weil Leser und Buchhändler nicht verwirrt werden sollten.

3. Du wurdest mit dem Buch “Die an den Tod nicht glauben: Ein Fall für die Totenleserin (Gerichtsmedizinerin Perdita Menke ermittelt 1)” für den Goldenen Homer 2026 nominiert. Das ist ein Preis für hervorragende Historische Literatur. Wie hast du dich gefühlt, als du von der Nominierung erfahren hast?

Um ehrlich zu sein: Der Homer ist ja ein Preis ohne Dotierung, weshalb ich ihn immer als eher unbedeutend erlebt habe. Ich bin auch nicht zum ersten Mal nominiert und hatte jahrelang meine Verlage gebeten, meine Bücher dort nicht einzureichen. Für „Die an den Tod nicht glauben“ habe ich mich trotzdem sehr gefreut. Es ist ein neues Pseudonym, der Roman erschien auf einem schlechten Programmplatz, und es ist mir das liebste Buch, das ich seit langem geschrieben habe. Ich lese selbst gern Krimis und Thriller und wollte unbedingt mal einen schreiben. Jede Aufmerksamkeit, die meine Totenleserin bekommt, ist deshalb eine Riesenfreude für mich. Gerade jetzt, wo es nicht mehr lange dauert, bis der zweite Band erscheint.

4. Wie lange hast du an dem Buch gearbeitet?

Alles in allem brauche ich ein Jahr für ein Buch. In dem Jahr arbeite ich aber natürlich auch an anderen Projekten. Die Reihe um die Totenleserin Perdita und den Bestatter Charon habe ich über Jahre hinweg entwickelt.

5. Wie verlief die Recherche zu diesem Buch?

Recherche ist für mich das Schönste am Schreiben, und an diesem besonders. Ich recherchiere immer vor Ort, bin ja auch in Berlin geboren und oft dort. Ich habe für „Die an den Tod nicht glauben“ aber auch die ausgezeichnete medizinhistorische Wellcome Collection sowie das Hunterian Museum am Royal College of Surgeons hier in London benutzt und zwei forensische Mediziner sowie einen Medizinhistoriker interviewt. Meine Totenleserin hat durch die vielen Details und vor allem Anekdoten, die diese faszinierenden Menschen mir erzählt haben, mehr und mehr Kontur gewonnen. Und dann habe ich natürlich etliches gelesen. Da meine Romane alle in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts spielen, ist meine Sammlung an Fachliteratur dazu inzwischen ziemlich umfangreich.

6. Erzähl uns doch ein wenig aus deinem Schreiballtag. Wie sieht ein typischer Schreibtag bei dir aus? Hast du bestimmte Rituale? 

Ich fürchte, der ist absolut langweilig. Es ist ja für mich kein „Schreibtag“, sondern ein Arbeitstag und der gleicht dem der meisten Leute, die im Home Office arbeiten. Ich stehe um 5.30 auf, gehe, sitze so ab 6.30 in meinem Büro, arbeite zehn bis zwölf Stunden und freue mich auf den Feierabend. Interessant ist daran nur, dass mein Büro irgendwann vom Rest des Haushalts in Hasenhausen umbenannt wurde, weil ich es mit Kalulu und Koopmeiners teile, den beiden Buchprüferhasen, die hier herumhoppeln und Bücher auf ihre Bissfestigkeit und ihren Geschmack prüfen.

7. Was machst du hinterher, wenn das Buch beendet und veröffentlicht ist? Stürzt du dich gleich in den nächsten Schreibmarathon?

Wenn ein Buch geschrieben ist, vergeht ja noch einmal ein gutes Jahr, ehe es erscheint. Der zweite Band der Totenleserin erscheint beispielsweise im Januar. Fertig geschrieben war er im Dezember 2025. In der Zwischenzeit werden Lektorat und Korrektorat absolviert, Klappentexte und Programmvorschauen erstellt und die Durchsicht der Fahnen gemacht. Da ich vom Schreiben und von Dienstleistungen innerhalb der Buchbranche lebe und meine Familie ernähre, arbeite ich ganz normal weiter. „Die an den Tod nicht glauben“ war ebenso wie der Nachfolger „Die den Tod nicht fürchten“ ein besonderes Buch für mich, von dem ich mich schwer trennen konnte. Das ist aber die Ausnahme.

8. Weißt du bereits vorher genau, was in deinen Büchern passiert, Arbeitest du dich an einem genauen Handlungsplan entlang oder brechen dir die Figuren schon mal aus und erfinden ihre ganz eigene Geschichte?

Meine Figuren können nur tun, was ich sie tun lasse. Und das bestimme ich ganz genau vorher. Ohne Plot schreibe ich keine Geschichte, und den arbeite ich vorher genau aus. Das dauert länger als das Erstellen der Rohfassung. Geschichten von Kolleginnen und Kollegen, die sich mit ihren Figuren beim Frühstück unterhalten, kenne ich zwar in rauen Mengen, aber bei mir bleiben die auf dem Papier. Ich frühstücke nicht. Vielleicht liegt’s daran.

9. Der perfekte Ort, um deine Bücher zu lesen? Wie wären deine Vorschläge?

Wo immer ihr lustig seid! Auf dem Klo, auf dem Weg zur Arbeit, beim Zähneputzen? Mir soll’s recht sein. Ich lese selbst auch überall, und wo immer meine Bücher gekauft und gelesen werden, freut’s mich.

10. Gibt es bereits neue Projekte, die in Arbeit sind und von denen du erzählen möchtest bzw. darfst?

Da Schreiben wie gesagt mein Beruf ist, habe ich immer weitere Projekte, die sich anschließen. Der zweite Band meiner Totenleserin „Die den Tod nicht fürchten“ erscheint im Januar, worauf ich mich sehr freue. Ein Roman unter meinem Pseudonym Charlotte Roth erscheint im Februar, und an einem weiteren für 2028 arbeite ich gerade. Außerdem lektoriere ich den großartigen Roman einer Kollegin, verfasse als Ghostwriter einen spannenden Krimi und bin mit verschiedenen vorbereitenden Arbeiten zum Michael-Ende-Gedenkjahr 2029 beschäftigt. Die Geschichten meiner Kunden sind auch alle ein bisschen „meine“, die ich manchmal gar nicht loslassen will. Es wird in meinem Hasenhausen-Büro also nicht langweilig, und dafür bin ich sehr dankbar.

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